Denn bereits 2019 verabschiedete die estnische Regierung ihre erste nationale KI-Strategie, gefolgt von weiteren Programmen wie der Kratt Strategy. Die Einsatzbereiche der Künstlichen Intelligenz sind dabei genauso vielfältig wie die Anforderungen in allen öffentlichen Bereichen und Institutionen. Hier ein paar aktuelle Beispiele aus dem hohen Norden:

AI-Leap in den Schulen

Digitalisierung des Bildungswesens? Ist in Estland längst Realität. Schon Ende der 90er-Jahre legte Estland das Fundament dafür. 2002 startete die digitale Schulmanagement-Plattform, wo Noten eingetragen, Fehlzeiten dokumentiert, Hausaufgaben hochgeladen werden können und sich Lehrer und Eltern austauschen. Seit 2005 gibt es Educational Technologists – eigens für digitale Lernmittel ausgebildete Lehrkräfte, die das Kollegium unterstützen. Und seit 2025 wagt das Land den KI-Sprung. Die Motivation: Die KI ist schon längst bei den Schüler:innen angekommen, wird aber bislang unkontrolliert genutzt. Zusammen mit Open AI – dem ChatGPT-Erfinder – entwickelt Estland nun sichere Anwendungen für Schulen. Dabei soll die KI die Rolle eines sokratischen Lehrers übernehmen.  Also das Wissen nicht dozierend vermitteln, sondern Lernende durch gezielte Fragen zur eigenständigen Erkenntnis führen. Nach ersten erfolgreichen Testläufen soll das Programm nun ausgeweitet werden. 

Ein Chatbot für alle Institutionen

Wer von uns kennt das nicht. Endlich sind wir zu einem Ansprechpartner vorgedrungen und dann heißt es: falsche Person oder sogar ganz falsche Anlaufstelle. Und die Suche geht wieder von vorne los. Die estnische Lösung lautet „Bürokratt“ – ein übergreifender Chatbot, der alle relevanten staatlichen Dienste über eine gemeinsame KI-Schnittstelle zugänglich macht.  Egal, auf welcher Plattform der digitale Helfer angesprochen wird: Er lotst die Bürger:innen durch die Verwaltungen zur richtigen Stelle, holt Daten aus den angeschlossenen Systemen und bereitet Anträge vor. Der estnische Behörden-Chatbot ist ein gutes Beispiel für einen nutzerzentrierten Ansatz, der den Menschen Arbeit abnimmt und sie dazu befähigt, Vorgänge wesentlich einfacher zu erledigen. 

Satellitengestützte Agrar-KI

Auch wenn die Agrarwirtschaft nur circa 3 Prozent des estnischen BIP ausmacht, werden doch ungefähr 25 Prozent der Landesfläche landwirtschaftlich genutzt. Auch hier setzt das baltische Land auf modernste Tools wie satellitengestützte KI-Analysen. Untersucht und ausgewertet werden unter anderem:

Und was ist mit uns?

Wir finden, Estland hat viele tolle Ideen und Möglichkeiten auf den Weg gebracht, die auch für uns eine große Relevanz haben. Uns begeistert vor allem der pragmatische, nutzerzentrierte Gedanke hinter den Lösungen. Und natürlich auch die Bereitschaft, Neues zu wagen und auszutesten. Wir sind auf die Erfahrungen und Learnings des estnischen KI-Wegs gespannt und bleiben am Ball. Sprecht uns gerne an, wenn ihr mehr wissen oder mit uns neue Wege gehen möchtet.

Pragmatisches Vorgehen

Wie bei allen estnischen Entwicklungen standen auch hier Pragmatismus und User-Zentrierung am Anfang des Projekts. Der noch junge Staat hatte nicht genügend Kapazitäten und Finanzen für den Auf- und Ausbau eines Kabelnetzwerkes quer durchs Land.  Die Lösung: eine internetbasierte Datenstraße. Die Daten werden nur an einer einzigen Stelle, also Once Only abgelegt. Werden die Daten für einen Vorgang benötigt und abgefragt, wandern sie via Internet zum konkreten Vorgang, ohne jedoch dort noch einmal gespeichert oder kopiert zu werden. Die digitale Datenstraße ist auch für private Unternehmen zugänglich. Zu den ersten wichtigen X-Road- Partnern gehören die beiden größten estnischen Banken.

Hochverschlüsselt

Warum ist die Lösung so sicher? Basis der X-Road sind individuelle Verschlüsselungen. Jeder, der die X-Road nutzt, besitzt eine eindeutige e-ID. Über Security-Server tauschen die am jeweiligen Vorgang Beteiligten ihre Daten aus, ohne auf Server von Drittanbietern zurückzugreifen. Die User der X-Road generieren den gewünschten Datensatz also jedes Mal individuell neu. Dadurch wird sichergestellt, dass jede Behörde oder jedes involvierte Unternehmen nur einen bestimmten Ausschnitt der Datensätze kennt und nutzen kann. 

Transparenz für die Dateninhaber

Neben der hohen Sicherheit bietet die X-Road noch weitere Vorteile. Die Bürger:innen können jederzeit nachvollziehen, welche ihrer Daten wann und von wem angefordert wurden. Das Netzwerk ist also gläsern für die Daten-Owner. Fehler können schneller bemerkt, gemeldet und korrigiert werden. 

Ein Erfolgsmodell

Die X-Road-Landkarte ist längst nicht mehr auf Estland beschränkt. 2017 gründeten Estland und Finnland zusammen das Nordic Institute for Interoperability Solutions, das für den weiteren Ausbau und die weltweite Verbreitung aktiv ist. So nutzen beispielsweise nun auch die Färöer-Inseln, El Salvador, Aserbaidschan, Australien, Schottland, Chile und Südafrika die digitale Lösung. Auch in Deutschland hat die X-Road Einzug gehalten. Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen startete 2020 mit einem Pilotprojekt für Videosprechstunden und digitale Rezepte.

Mut, Neues zu wagen?

Wir finden, die X-Road ist ein tolles Beispiel dafür, wie erfolgreich die Kombination aus Nutzerzentrierung, Orientierung an vorhandenen Gegebenheiten und Mut zu neuen Wegen ist. Wie kann eine solche Kombination bei euch aussehen? Lasst uns darüber sprechen.

Bis zur Unabhängigkeit Estlands 1991 waren alle Unterlagen nur in Papierform vorhanden, von denen viele beim Abzug der Sowjets vernichtet wurden. Nach über 50 Jahren Annexion durch die Sowjetunion fehlte es an allem: Geld, funktionierenden Einrichtungen und einer bezahlbaren Verwaltungsstruktur, die auch die schwach besiedelten Gebiete gleichberechtigt miteinbezog. Eine weitere Herausforderung: Wenn der junge Staat eine echte Chance haben wollte, musste er sofort performen. Das kleine baltische Land mit seinen damals 1,5 Millionen Einwohnern musste und konnte also komplett neu denken.

Eine Gruppe junger Politiker und Reformer um den damaligen Ministerpräsidenten und „Vater des e-Governments“ Mart Laar und des damaligen Staatspräsidenten Toomas Hendrik wagte daher einen visionären Schritt mit einer umfassenden Digitalstrategie, dem so genannten Tigersprung. Digitalität sollte als Werkzeug dienen, um das Land aufzubauen und zu organisieren.

Estland bereitete seine Gesellschaft in den 1990er Jahren auf das neue Zeitalter mit einer umfassenden digitalen Alphabetisierung vor. Jede Schule wurde mit Computern ausgestattet. Der Internetzugang wurde als Grundrecht in der Verfassung verankert. Die digitale Transformation ermöglichte ein überdurchschnittlich hohes Wirtschaftswachstum, was wiederum zur hohen Akzeptanz bei der Bevölkerung beitrug. 

Die Grundlage: eine e-ID für alles

2002 führte Estland für alle Bürger:innen ab 14 Jahren die e-Identity verpflichtend ein. Inzwischen erhält jedes estnische Kind die e-ID direkt zu seiner Geburt. Da die digitale Identitätsnummer sehr bald auch als Grundlage für Bankgeschäfte und Verträge diente, bekam sie schnell eine große Akzeptanz in der Bevölkerung. 

Mittlerweile werden alle Staats- und Verwaltungs-Services digital angeboten und durchgeführt. Darunter zum Beispiel:

Safety first

Aber: Wie sicher ist eine digitale Identifikationsnummer – kann sie leicht gehackt oder gestohlen werden? Diesen Problemen begegnet Estland mit einem mehrstufigen Sicherheitssystem. Basis ist ein Public-Key-Infrastruktursystem. Der öffentliche Schlüssel kann von jedem genutzt werden, um eine Person zu identifizieren. Dazu kommt ein privater Schlüssel, der von zwei PINs geschützt wird. Mit der ersten PIN muss der Inhaber seine Identität bestätigen, damit niemand anderes auf seine E-Services zugreifen kann. Und mit der zweiten PIN kann eine digitale, rechtskräftige Unterschrift geleistet werden.

Bei der Anwendung erfolgt die sichere Datenweiterleitung über die X-Road, einer estnischen Erfindung, die mittlerweile schon in mehreren Staaten zum Einsatz kommt.

Radikale Transparenz

Haben die Est:innen Angst, zu gläsernen Menschen zu werden, weil ihre e-ID ihr gesamtes Leben abbildet? Um dem gegenzusteuern und eine hohe Akzeptanz zu erzielen, setzt das Land auf radikale Transparenz.

Über das Tool eines Daten-Trackers können sich die Bürger:innen jederzeit darüber informieren, wer auf ihre Daten zugreift und aus welchen Gründen. Sie bekommen so einen guten Überblick über die Funktionsweise des Staates und seiner Verwaltungen. Und sie sind alleinige Inhaber ihrer Daten. Sie können bestimmen, wer sie sehen und nutzen darf und wer nicht. Und zwar für alle Bereiche, auch beispielsweise für die digitale Krankenakte. 

Damit werden die Bürger:innen zu aktiven Beteiligten. Der Daten-Tracker leistet damit weit mehr als ein Zugriffsprotokoll. Er schafft Vertrauen – eines der zentralen Elemente für eine demokratische Gemeinschaft – und befähigt die Bürger, am Aufbau der digitalen Gesellschaft aktiv mitzuwirken. 

Der Mensch im Mittelpunkt

Estland ist also nicht nur Digitalisierungs-Pionier, sondern stellt sich auch den Fragen und Problemen, die damit einhergehen. Denn: Ohne die Menschen mitzunehmen, funktioniert das beste System nicht. Die Nutzenden stehen immer im Fokus der (Weiter-)Entwicklungen.

Sprecht uns gerne an, wenn ihr mehr über das Human Centric Prinzip wissen möchtet und wie ihr es für eure Services oder Produkte nutzen könnt.