Bis zur Unabhängigkeit Estlands 1991 waren alle Unterlagen nur in Papierform vorhanden, von denen viele beim Abzug der Sowjets vernichtet wurden. Nach über 50 Jahren Annexion durch die Sowjetunion fehlte es an allem: Geld, funktionierenden Einrichtungen und einer bezahlbaren Verwaltungsstruktur, die auch die schwach besiedelten Gebiete gleichberechtigt miteinbezog. Eine weitere Herausforderung: Wenn der junge Staat eine echte Chance haben wollte, musste er sofort performen. Das kleine baltische Land mit seinen damals 1,5 Millionen Einwohnern musste und konnte also komplett neu denken.
Eine Gruppe junger Politiker und Reformer um den damaligen Ministerpräsidenten und „Vater des e-Governments“ Mart Laar und des damaligen Staatspräsidenten Toomas Hendrik wagte daher einen visionären Schritt mit einer umfassenden Digitalstrategie, dem so genannten Tigersprung. Digitalität sollte als Werkzeug dienen, um das Land aufzubauen und zu organisieren.
Estland bereitete seine Gesellschaft in den 1990er Jahren auf das neue Zeitalter mit einer umfassenden digitalen Alphabetisierung vor. Jede Schule wurde mit Computern ausgestattet. Der Internetzugang wurde als Grundrecht in der Verfassung verankert. Die digitale Transformation ermöglichte ein überdurchschnittlich hohes Wirtschaftswachstum, was wiederum zur hohen Akzeptanz bei der Bevölkerung beitrug.
Die Grundlage: eine e-ID für alles
2002 führte Estland für alle Bürger:innen ab 14 Jahren die e-Identity verpflichtend ein. Inzwischen erhält jedes estnische Kind die e-ID direkt zu seiner Geburt. Da die digitale Identitätsnummer sehr bald auch als Grundlage für Bankgeschäfte und Verträge diente, bekam sie schnell eine große Akzeptanz in der Bevölkerung.
Mittlerweile werden alle Staats- und Verwaltungs-Services digital angeboten und durchgeführt. Darunter zum Beispiel:
- das Gesundheitswesen mit digitalen Krankenakten (seit Anfang der 2000er) und dem e-Rezept (seit 2010)
- das Justizwesen mit e-Files und dem Court Information System
- das Wahlsystem mit e-Voting (seit 2005)
- das Steuersystem mit dem Online Tax Board
- die E-Residency: Jede:r kann ein Unternehmen in Estland gründen, auch ohne selbst dort zu leben.
Safety first
Aber: Wie sicher ist eine digitale Identifikationsnummer – kann sie leicht gehackt oder gestohlen werden? Diesen Problemen begegnet Estland mit einem mehrstufigen Sicherheitssystem. Basis ist ein Public-Key-Infrastruktursystem. Der öffentliche Schlüssel kann von jedem genutzt werden, um eine Person zu identifizieren. Dazu kommt ein privater Schlüssel, der von zwei PINs geschützt wird. Mit der ersten PIN muss der Inhaber seine Identität bestätigen, damit niemand anderes auf seine E-Services zugreifen kann. Und mit der zweiten PIN kann eine digitale, rechtskräftige Unterschrift geleistet werden.
Bei der Anwendung erfolgt die sichere Datenweiterleitung über die X-Road, einer estnischen Erfindung, die mittlerweile schon in mehreren Staaten zum Einsatz kommt.
Radikale Transparenz
Haben die Est:innen Angst, zu gläsernen Menschen zu werden, weil ihre e-ID ihr gesamtes Leben abbildet? Um dem gegenzusteuern und eine hohe Akzeptanz zu erzielen, setzt das Land auf radikale Transparenz.
Über das Tool eines Daten-Trackers können sich die Bürger:innen jederzeit darüber informieren, wer auf ihre Daten zugreift und aus welchen Gründen. Sie bekommen so einen guten Überblick über die Funktionsweise des Staates und seiner Verwaltungen. Und sie sind alleinige Inhaber ihrer Daten. Sie können bestimmen, wer sie sehen und nutzen darf und wer nicht. Und zwar für alle Bereiche, auch beispielsweise für die digitale Krankenakte.
Damit werden die Bürger:innen zu aktiven Beteiligten. Der Daten-Tracker leistet damit weit mehr als ein Zugriffsprotokoll. Er schafft Vertrauen – eines der zentralen Elemente für eine demokratische Gemeinschaft – und befähigt die Bürger, am Aufbau der digitalen Gesellschaft aktiv mitzuwirken.
Der Mensch im Mittelpunkt
Estland ist also nicht nur Digitalisierungs-Pionier, sondern stellt sich auch den Fragen und Problemen, die damit einhergehen. Denn: Ohne die Menschen mitzunehmen, funktioniert das beste System nicht. Die Nutzenden stehen immer im Fokus der (Weiter-)Entwicklungen.
Sprecht uns gerne an, wenn ihr mehr über das Human Centric Prinzip wissen möchtet und wie ihr es für eure Services oder Produkte nutzen könnt.